9. November 1997 in Marburg: Zum Gedenken an die Reichspogromnacht geben Esther und Edna Bejerano ein Konzert in der Universitätskirche. Zur selben Zeit marschieren durch die Stadt etwa 100 Faschos der Jungen Nationaldemokraten - der größte Fascho-Aufmarsch, den Marburg seit 1945 erlebt hat, genehmigt und geheimgehalten durch Oberbürgermeister Möller.
10. November 1997 in Marburg: Die erste Studentische Vollversammlung findet statt, über einen Streik soll beraten werden. Zu Beginn der VV wird ein Text verlesen, der auf die Ereignisse vom Vortag eingeht, Möller angreift, und erklärt, daß eine Studibewegung nur dann einen Sinn haben kann, wenn sie sich mit nationalistischen und antisemitischen Tendenzen in der Gesellschaft auseinandersetzt. Die Frau, die den Text verliest, wird mit Sätzen wie: "Das gehört nicht hierher!" oder "Was geht's uns an?" niedergebrüllt. Sie kann schließlich nur zu Ende reden, weil die Redeleitung damit droht, daß die VV erst dann weiter gehe, wenn die Rednerin fertig ist. Das wirkt, schließlich wollen die Studis ihren Streik beschließen.
Einige Tage später in Marburg: Streik-AktivistInnen interviewen OB Möller für Radio Unerhört Marburg (ein freies Radio) zum Thema Streik und Universität. Ja, auch er solidarisiere sich mit einigen Forderungen der Studierenden, schließlich sei die Universität ja so wichtig für die Stadt. Das Wort Standort fällt, die FragerInnen sind zufrieden, keine einzige Frage zum 9. November - auch Möller soll Teil der Bewegung sein.
