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Auf dem Campus in Hamburg

Graffittis, Wandgemälde, gesprühte Parolen in überdemensionierten Lettern gehören wahrscheinlich weltweit zum Bild einer Großstadt, und vor allem zum Inventar jedes Uni- Campus. Da diese meist jenes abbilden, was in den Hirnen der Menschen vor sich geht, wenn keine Reflexion einsetzt, verwundert es wenig, daß die meisten von ihnen mit Aufklärung wenig, mit Regression aber ein ganze Menge zu tun haben. Folgender Rundgang über den Hamburger Unicampus ist demnach eher als ein Hinweis auf deutsche Realität und Normalität zu verstehen als ein Verweis auf einen skandalonen Sonderfall.

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Die Uni liegt im Hamburger Grindelvieltel, jenes Viertel, in welchem bis in die dreißiger Jahre viele Juden wohnten. So ist es nicht verwunderlich, daß angrenzend an den Campus sich bis zum November 1938 eine der Hamburger Hauptsynagogen befand Sie wurde in der Nacht vom 9. auf den zehnten November und erneut zwei Tage später beschädigt; im Frühjahr 1939 wurde die jüdische Gemeinde des Grundstücks enteignet und der Rest der Synagoge abgerissen. Auf dem Platz wurde bald ein Hochbunker errichtet, der heute noch steht und auch zur Universität gehört.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus übernahm die Universität das Grundstück und nutze es lange Zeit als Parkplatz. Am 9. November 1988 wurde dort zur Erinnerung ein Bodenmosaik eingelassen, ein Denkmal zum drüberlaufen, der Platz wurde nach dem letzten Rabbiner vor dem NS, Joseph Carlebach, der von den Nazis in der Nähe von Riga ermordet wurde, benannt und eine Gedenktafel angebracht, deren Text mit den Worten endet: „Möge die Zukunft die Nachfahren vor Unrecht bewahren“ Dieser Text ist so allgemein gehalten, daß er weder Täter noch Opfer konkret benennt. Neben diesem Mahnmal steht der oben erwähnte Bunker – und an einer Seite des Bunkers befindet sich dieses Grafitti, in welchem, ganz in antisemitischer NS- Manier, das liebe - deutsche- Volk gegen die sogennanten Großkapitalisten in Stellung gebracht wird. Geschrieben steht dort: „Keine Macht den Großkapitalisten denn Macht ohne liebe dem Volk gegenüber macht gewalttätig.“ Dies kommt nicht nur einer Schändung des – bei weitem unzureichendem - Mahnmals gleich, es ist zu gleich Ausdruck davon, wie leicht antisemitische Stereotypen sich reproduzieren lassen und wieder zu einer Art Alltagskultur geworden sind, sie sind Teil des antiglobalsierten Selbstverständisses, wie eine Art Schablone, auf der man sich bewegt und verständigt. Aber in Hamburg schieint dies weder aufzufallen noch zu stören, genau so wenig wie die Tatsache, daß eine andere ehemalige Synagoge in Hamburg heute dem NDR als Funkhaus dient.

Eine andere Art die Erinnerung an den Nationalsozialismus zu relativieren und zu nivellieren befindet sich in bzw. an der Hamburger HWP (heute eigentlich: Department Wirtschaft und Politik der Universität Hamburg). Das Gebäude dieses Instituts zeigt außen ein Wandbild von Cecilia Herrero aus dem Jahr 1995. Es soll an das jüdische Leben im Grindelviertel erinnern, es bildet „das facettenreiche jüdische Leben am Grindel“ ab (so heißt es in dem Heft Gedenstätten in Hamburg welches 2003 von der KZ- Gedenkstätte in Neuengamme herausgegen wurde): deutliche Risse im Bild sollen auf die Ermordung hinweisen, oder vielmehr an des Verschwinden dieser Facetten? Dieses Bild trägt ein wenig die Bedeutung in sich, es ginge darum um eine „verlorene Kultur“ auf die man alles mögliche projizieren kann, zu trauern, und eben nicht um ermordete Menschen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch in dem Bild abgebildete Plakate, die „Nie wieder Krieg“ und ein Zusammenstehen aller politischen Gegner des Nationalsozialismus fordern, wodurch sich ein Nichtverstehen von Antisemitismus deutlich macht: Juden sind nicht verfolgt und ermordet worden als Gegner von Nationalsozialismus und Krieg, die konkrete Unterstützung politischer Gegner des Natinalsozialismus von Juden gegen den vernichtenden Antisemitismus der Deutschen fand nur in Ausnahmefällen statt, von einer Einheit aller Gegner des NS mit den Juden kann also gar nicht die Rede sein.

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Geht man in dieses Gebäuder hinein, entdeckt man neben den üblichen Parolen, wie „Nie wieder Krieg“ oder auch „Nie wieder Faschismus“ ein weiteres Bild, gestaltet von der selben Künstlerin wie die Wand außen: die linke Bildhälfte ist feuerrot, im rechten Teil sieht man vier erwachsene Frauen und zwei Kinder. Deren Kopftücher sollen wohl auf die „fremde Kultur“ des Islams hinweisen und zeichnen diese als Objekte von Revolutionsphanatsien aus. Eine der Frauen hält sich – verzweifelt – die Hände vor ihr Gesicht, während die anderen drei ihre Hände abwehrend nach vorne strecken, als würden sie sich gegen neues, fremdes, gegen eine nicht sichtbare Bedrohung wehren. Alle vier schauen sehr streng und kämpferisch drein; in ihrer Mitte haben sie die beiden Kinder, von denen das eine eine Weltkugel in der Hand trägt, was sich unschwer deuten läßt als : „Morgen wird diese Welt unsere sein.“ Auch die Kinder starren aus dem Bild heraus. Am unteren rechten Bildrand sieht man ein Spruchband auf dem sechs Wörter untereinander gereiht sind: Krieg – Profit – Manipulation – September 11th – Resistencia – und ein arabischer Schriftzug, den man als "Burka" identifizieren kann. Diese unverholene Sympathie mit dem Terroranschlag am elften September 2001 in New York und Washington passt offenbar in das Bild der Hamburger Universität.
Aber mehr noch steht zu befürchten, dies spiegele deutsches Verständnis von Antifaschismus wider: man gedenkt der toten Juden, man zelebriert ihre Kultur (und was man dafür hält)– die in der Vergangenheit anzusiedeln ist, aber lebend möchte man ihnen nicht begegnen und schon gar nicht mit Forderungen konfrontiert werden. Erste jüngst reagierte die Bundesregierung auf die Forderung Israels nach Nachverhandlungen der Luxemburger Abkommen von 1952 mit Unverständnis und Abwehr. In Israel selber sieht die deutsche – antiglobalisiete - Gesellschaft einen Aggressor, die Mehrheitsgesellschaft hier ist nicht bereit, dem Staat Israel mit Empathie zu begegnen, geschweige denn sich im Angesicht akuter Gefahr für Israel zu einer Solidarität für diesen Staat bekennen. Berechtigten Widerstand billigt man in Deutschland gerade den Feinden Israels zu, mit ihnen sympathisiert man, wie in diesem Wandbild.

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