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Der Judenmord kommt auf die Bühne

Antisemitischer Propagandafilm "Paradise Now" auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses - Hamburger Botschaft - in Hamburg

Aber die Tatsache, daß einer wirklich gewählt hat und Antisemit ist, bleibt so unerklärlich, wie der Umstand, daß es das falsche Ganze überhaupt gibt, das den Antisemitismus stets aufs Neue hervorbringt.
Gerhard Scheit in Suicide Attack, Zur Kritik der politischen Gewalt. 2004

Am 4. Juni gab es im Deutschen Schauspielhaus mal wieder eine Premiere: In der "Hamburger Botschaft" kommt ein Stück zur Aufführung, dessen Autor Hany Abu-Assad sich offen dazu bekennt, Israel als Staat nicht anzuerkennen. Israel hat gerade seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert, Grußadressen erreichten das Land, welches seit seinem Bestehen aus der islamischen Welt bedroht wird und sich gerade heute der Gefahr einer iranischen Atombombe ausgesetzt sieht. Israel feiert seinen sechzigsten Geburtstag in einem Punkt genauso wie den ersten: Umzingelt von Feinden, die die Existenz des jüdischen Staates ablehnen. Im Gaza- Streifen ist dies die islamische Hamas, an der nördlichen Grenze die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah sowie Syrien, die beide mit dem Iran verbündet sind. Der Iran hat die Vernichtung Israels zum Staatsziel erhoben, vor anderthalb Jahren berief der Präsident Ahmadinedschad, dieser Wiedergänger Adolf Hitlers, eine Internationale Konferenz der Holocaustleugner zusammen. Hamas, Hisbollah, der Iran, sie führen einen Krieg gegen Israel; in Europa aber übt man sich in Distanz, schwankt zwischen Appeasement und offener Kollaboration. Kaum anders kann man auch jene Anzeige aus der Herald Tribune verstehen, die als eine Gratulation an Israel der besonders europäischen Art zu bezeichnen ist: Der wie eine Todesanzeige gestaltete Text trägt die Überschrift:-"60 years of Palestine Dispossession – No Reason to Celebrate „60 Years Israel“" Er ist unterzeichnet von diversen Intellektuellen, (darunter bekannte Apologeten des Antisemitismus wie Judith Butler) und von dem Israeli Hany Abu-Assad, den man so aber nicht nennen darf. Diese offene Kampfansage an Israel entspricht genau jenem Wunsch, die Opfer der Shoa schuldig zu sprechen und Auschwitz zu einer Lehranstalt zu deklarieren, aus der „die Juden nichts gelernt" hätten.
Israel ist nach der Shoa entstanden und ist für alle Juden auf der Welt ein Garant dafür, daß sich die Shoa – nichts ähnliches - niemals wiederhole. Auschwitz darf nie mehr sein, dieses Bekenntnis gehört quasi zum Kanon der nationalen Verständigung in Deutschland. Diese Selbstverständnis schließt aber gerade nicht die Unterstützung Israels gegen seine Feinde ein, im Gegenteil: In einer Umfrage vom Juli 2007 verglichen 45% der Europäer Israels Politik in den Autonomiegebieten mit der des Apartheid-Regimes in Südafrika... nach einer jüngeren Forsa-Studie meinen zwei Drittel aller Deutschen, Israel sei nunmehr ein ganz normales Land, 56 Prozent der Befragten lehnen eine besondere Rolle Israels in der deutschen Außenpolitik ab. Nicht erst seit dem Krieg gegen den Tyrannen Saddam Hussein im Irak gilt in Deutschland ein Menschenrechtspakt, nach dem aus Auschwitz vor allem „Nie wieder Krieg“ folge; der Staat Israel, der sich militärisch verteidigt, gilt deshalb einer überwältigenden Majorität hierzulande auch als „Feind des Friedens Nummer eins“ - das schlimmste Urteil, welches man im friedliebenden Deutschland über eine Nation fällen kann; als wenn es nie einen antifaschistischen Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland der Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreichs, Großbritannien, der Sowjetunion und all ihrer Verbündeten gegeben hätte. Dies wundert allerdings nicht, der Hass auf die Alliierten manifestiert sich im Antiamerikanismus in den letzten Jahren zum common sense.
Vor zwei Jahren lief in deutschen Kinos der Film Paradise Now, der preisgekrönt war, bevor die Zuschauer ihn überhaupt sehen konnten: Der Film erhielt auf der Berlinale 2005 den Großen Preis der Europäischen Film- und Fernsehakademie („Blauer Engel“), den Publikumspreis der Leserjury der „Berliner Zeitung“, den Filmpreis von Amnesty International und war gleichfalls für den Goldenen Löwen nominiert. Den Oscar in der Kategorie ausländischer Film verfehlte er.

Auf die Frage, ob er Selbstmordanschläge verurteilt, antwortet der Regisseur Hany Abu-Assad: „"Warum denn? Ich bin gegen die Tötung von Menschen, und ich will das stoppen. Aber ich verurteile die Selbstmordattentäter nicht. Für mich ist das eine sehr menschliche Reaktion auf eine extreme Situation.“"
Gezeigt werden die „letzten 48 Stunden eines palästinensischen Selbstmordattentäters“, in denen sich dieser auf den Massenmord vorbereitet. Alle Protagonisten sind sich in ihrem Hass auf Israel einig, geführt wird eine innerantisemitsche Debatte, darüber, welches denn die wahren Mittel gegen Israel sein könnten. Die Voraussetzung für die Handlung ist eindeutig: Die Menschen die man hier kennen lernt, mit denen der Zuschauer sich von Beginn an identifizieren soll, leiden unter ihrer Situation, die nicht in der Unerträglichkeit islamischen Tugendterrors besteht, sondern in der Existenz Israels. Antisemitische Positionen werden diskutierbar, die Attentäter zu bemitleidenswerten Gestalten, die Israelis zu (unsichtbaren) Monstern. Die Menschen hier kennen einen einzigen Feind – und der heißt Israel. In einem fort findet ein Gespräch unter Antisemiten mit verschiedenen Strategien statt, der Film lädt dazu ein, in ihren Hasstiraden etwas Wahres zu sehen; islamischer Terror wird zu einer verständlichen Reaktion umgelogen, Israel ist „das Andere“- immer bedrohlich, aber nicht erfahrbar. Auf die Situation, in der sich Israel befindet, wird nicht nur nicht eingegangen, sie wird verleugnet. Suha, jene Figur im Film, die Zweifel hat, ob ein Selbstmordanschlag „der richtige Weg“ sei, um Israel zu vernichten, gibt in diesem Zusammenhang ein entscheidendes Stichwort, wenn sie zu bedenken gibt: „Es ist nicht das richtige Mittel, so werden wir wie sie.“ Wie die Israelis meint sie: die Lüge, Israel würde wahllos Menschen aus Hass töten – so wie es ein Selbstmordattentäter tut – bildet hier die Grundlage für die Argumentation.

„Zwei junge Männer auf dem Weg zum Selbstmordattentat“, stand in dem Anküdigungsflyer für den Film, man hätte vielmehr schreiben sollen: „Zwei Männer auf dem Weg zu Judenmord“, Amnesty International lobte den Film als „nicht moralisierend“ – Alan Posener schrieb hierzu in der Welt: „Das stimmt: Niemand in dem Film sagt, daß es moralisch falsch sein könnte (und nicht nur politisch kontraproduktiv, wie Suha meint), massenhaft Unschuldige zu töten.“

Doch was gefällt an diesem Film? Vielleicht dieses: Ein Israeli, der sich selber so nicht nennen mag , führt jene Perspektive vor, von der in Deutschland alle der Ansicht sind, sie unterläge einem Tabu – die Perspektive von Judenmördern. Die Empathie, die erweckt wird, liegt auf jener Seite, für die man hier tägliches Verständnis aufzubringen bereit ist. Einmal so richtig hineinschauen können in die Seele eines Antisemiten, ohne seine psychische Deformation dabei verstehen zu wollen, bedeutet vielleicht eine Spiegelung des eigenen selbst.

Paradise Now zeige endlich einmal die palästinensische Seite, jubelte die Presse. Ganz unabhängig davon, was an einer „Seite“ in der Hass, Judenmord, Homophobie, Mord an vermeintlichen oder tatsächlichen Dissidenten zum Alltag gehören, besonders attraktiv sein soll, wird hier einmal wieder ein „Tabu“ behauptet, welches nicht existiert: Hierzulande dürfe man – so sagt es der antisemitsche Kanon – kein böses Wort gegen Israel sagen. Diese Behauptung entspringt dem Wunsch, ganz unbefangen die Sache mit den Juden und mit Auschwitz noch einmal neu zu verhandeln, und so geschieht es - man schlage die Tageszeitungen auf, man blättere in Wochenmagazinen, man schalte den Fernseher ein, man lausche Dozenten an der Uni, überall stößt man auf man deutliche Sympathien mit den Feinden Israels, und dabei kommt man sich in diesem antiisraelischen Mainstream noch widerständig und tabubrecherisch vor.So geschieht es in einem Land, in dem Antisemitismus nicht an sich geächtet wird, weil er der Feind menschlichen Zusammenlebens und jeder Zivilisation ist, sondern weil er sich angeblich nicht schickt, weil man „so was“ in Deutschland (noch) nicht (wieder) offen aussprechen könne.

Die Kritik lobte die Differenziertheit des Filmes, suicide attacks würden nicht verherrlicht. Wie bitte? Die Faszination für das judenkritische Publikum besteht gerade darin, daß alle genau wissen: Am Ende steht der antisemitische Mord. Der Zuschauer ist nah dran am Geschehen, er sieht die Attentäter schwitzen, er sieht ihnen dabei zu, wie sie ein Video drehen, während es zu Slapsticks-Situationen kommt, eine Szene, die immer wieder besonders lobend hervorgehoben wurde - Selbstmord-Attentäter sind ganz lieb und können sogar lustig sein. In einem Interview mit Gert Scobel in der Sendung Kulturzeit im Februar 2005 kommentierte Hany Abu-Assad genau diese Szene: "And believe me – in reality it is much more funnier.". Es muss ein wahrer Spaß sein, sich auf das Töten von Juden vorzubereiten.

Paradise Now macht sich zu einem Apologeten Selbstmordattentäter, in dem er voraussetzt, es gäbe einen rationalen Kern für den Hass auf Israel, als habe dies mit Antisemitismus nichts zu tun, er entpolitisiert die islamistisch und antisemitisch motivierten suicide- attacks. Schon in der Ankündigung des Theaters heißt es: "Die beiden Freunde verlieren sich aus den Augen. Getrennt und ganz auf sich gestellt gehen die »lebenden Bomben« ihrem Schicksal entgegen, mit dem Auftrag, möglichst viele Feinde mit in den Tod zu reißen." Wieso ist es denn ihr Schicksal? Sie haben sich entschieden, für antisemitischen Hass, aus dem heraus sie morden wollen, auch nicht ihre „Feinde“, Juden sind es, die sie nicht einfach mit in den Tod reißen, sondern, deren Tod sie sehnlichst erhoffen.

Die Lüge dieses antisemitischen Hetzfilmes wird dadurch vervollständigt,dass der Protagonist Said am Ende des Filmes nicht in den Bus mit Kindern und Zivilisten steigt, sondern in jenen von israelischen Soldaten: Islamisten töten Juden – und welche sie dafür halten - wahllos; zudem sind auch israelische Soldaten „unschuldig“ - sie werden ermordet, weil sie den einzigen jüdischen Staat der Welt schützen müssen vor allen nachbarlichen Feinden.
Genau wie im Film ist in der Ankündigung des Schauspielhauses weder von Antisemitismus noch von Israel auch nur die Rede: Es scheint klar zu sein, gegen welche Besatzer Said und Khaled einen „heiligen Krieg“ führen wollen. Und die Verantwortlichen haben durchaus recht, wenn sie an die Inszenierung mit der Frage heranangehen: „Oder ist die Angst und der Überlebenswille im letzten Augenblick doch stärker als die Aussicht auf die versprochene Belohnung im Paradies und die Gewissheit, vom eigenen Volk als Märtyrer gefeiert zu werden?“, die Idee, daß ein Selbstmordattentat eine zutiefst zu verachtende und zu verhindernde Tat ist, wird schon im Film ansatzweise erwogen. Daher steht sehr zu befürchten, dass diese Inszenierung den Mord an Juden nicht nur verharmlost, sondern ihn als ein verständliche Reaktion – auf was auch immer - rezipieren wird.
Der Autor Hany Abu-Assad findet: „Die Besatzung durch Israel ist es, was Palästinenser zwingt, das zu tun, was sie tun.“ Juden sind alsoselber schuld, wenn man sie umbringt, dass war bei Antisemiten schon immer so. Im Ankündigungstext des Schauspielhauses heißt es weiter:Gibt es einen Sinn im Sterben für eine Idee?"Die Idee, Juden umzubringen, die Idee, den Staat Israel auszulöschen, was ist sie wert? Wer eine solche Frage stellt, will seine Sympathie mit dem palästinensischen Terror gar nicht verhelen.

„Das Töten nicht in eine böse Ecke zu stellen“ sei Motivation für Paradise Now gewesen, sagt Abu-Assad und kommt damit zum Kern islamistischer Ideologie: Den Tod mehr zu lieben als das Leben ist ihre Sache, so schrieben es die Moslembrüder schon im Jahre 1937, genau jenes stand im Bekennerschreiben der Attentäter von Madrid im Jahre 2004 („Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“); diesen mörderischen Wahnsinn ernst zu nehmen, dieser offenen Absage an ein der Welt zugewandten Leben Einhalt zu gebieten, hieße, offen zu sagen, daß ein Selbstmordattentat Judenmord ist, hieße, zu verstehen, daß islamischer Terror nicht verhandelbar ist, hieße, Israel mit allen Mitteln gegen seine Feinde zu verteidigen. Doch die Fareg "Gibt es einen Sinn im sterben für eine Idee?" ist Propaganda des suicide – attacks: Der Tod – nicht nur der eigene - könnte einen Sinn haben; nach der Ideologie zum Opfer, mit der auch schon deutsche Soldaten vor 1945 in einem Vernichtungskrieg willig zum Selbstopfer waren, lohnt sich das Morden des Feindes, den der Antisemit nur als Jude denken kann.

Paradise Now
nach dem Film von Hany Abu-Assad und Bero Beyer
in einer Fassung von Konradin Kunze
Premiere am 5. Juni um 20.30 in der
"Hamburger Botschaft"

Weitere Termine:

23.06.2008, 20:30 Uhr
24.06.2008, 20:30 Uhr
27.06.2008, 20:30 Uhr
28.06.2008, 20:30 Uhr

Und hier befindet sich ein weiteres Flyer gegen die Aufführung

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