Direkt zum Inhalt

Georg Kreisler: Happy Birthday

Heute wird Georg Kreisler 85 Jahre alt: Herzlichen Glückwunsch! Und es gibt sogar Zeitungen, die ihm einen Artikel widmen, allerdings: sie schreiben fast alle dasselbe: daß er für Chaplin gearbeitet hat ("Chaplin pfiff eine Melodie, Kreisler schrieb sie auf, brachte sie zu Eisler nach Malibu, der besorgte die Orchesterversion."), daß er Göbbels und Streicher als Verhörspezialist der US Army gegenüber saß, und vor allen, daß er ganz, ganz böse Lieder geschrieben hat.

Schade, daß Georg Kreisler immer nur als schwarzhumorig bezeichnet wird, er ist so vieles mehr. Er ist einer der wenigen zum Beispiel, die über Dinge singen, über die man gar nicht singen kann und genau dies auch in vielen seinen Liedern zu Ausdruck bringt.

Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus durchziehen sein gesamtes Werk. Es gibt Lieder, die einen ganz direkten Bezug haben, und solche, bei denen man den Kontext hören kann. Insgesamt geht es um Unerträglichkeit von Wirklichkeit: eine Tante, die im Holocaust alles verloren hat, wird verrückt, der Anwalt muß nach seinem Weg zur Arbeit, auf dem er nach 1945 lauter ehemalige Nazis trifft, die einfach so weiteleben, ersteinmal die Richtung ändern, das kleine Mädele kann gar nicht verstehen, was passieren kann. Bei der Tante ist die „Geschichte zu lang“ um sie zu erzählen, das kleine Mädele schaut in einen unbestimmbaren Abgrund, in eine grauenhafte Zukunft, die offenbar nicht aufgehalten werden kann.
Es geht auch um diese Leerstellen, die Kreisler beschreibt, um den Versuch, der Unerträglichkeit beizukommen. Die Frage, ob man nach Auschwitz Gedichte schreiben kann, soll oder muß werden Fragen von Aussperechbarkeit überhaupt hinzugefügt.

Aber in jenen Artikeln, die jetzt zu seinem Geburtstag veröffentlicht werden, steht Überall geschrieben, seine Texte wären so schrecklich schmerzhaft - und alle scheinen dies zu lieben. Dabei kann ich mir kaum vorstellen, daß Kreisler jemals am Flügel saß, und sich ausgedacht hat, wie er am meisten weh tuen kann, es sind eben nicht Kreislers Texte, die unerträglich sind, sondern es ist diese Realität - besonders in Deutschland und Österreich, und kaum jemand vermag es, dies so zum Ausdruck zu bringen wie eben Georg Kreisler.

Neue Kommentare abschicken

Die Angabe in diesem Feld wird nicht veröffentlicht.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Pairs of<blockquote> tags will be styled as a block that indicates a quotation.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Use [fn]...[/fn] (or <fn>...</fn>) to insert automatically numbered footnotes.
  • Bilder können zu diesem Beitrag hinzugefügt werden.
  • You may use [swf file="song.mp3"] to display Flash files and media.
  • Sie können Videos mit [video:URL] angeben

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Diese Frage dient dazu festzustellen, ob Sie ein Mensch sind und um automatisierte SPAM-Beiträge zu verhindern.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Customize This